Ausbildung 2018: Was jemand, der nah am Thema ist, dazu sagt. Oder: Die Werkstudentin gehört zur Minderheit.

Jeden Monat, jedes Quartal bekommen wir unzählige Studien zu Zielgruppenanalysen – seriös aufbereitet und professionell erhoben. Sehr oft eine gute Informationsquelle: Wie ticken die Menschen, die wir erreichen wollen? Was wir dabei häufig vergessen, ist, dass die Studien naturgemäß die individuellen Meinungen nicht ins kleinste Detail spiegeln können. Meine eigene Wahrnehmung unterscheidet sich so zum Beispiel deutlich von den aktuellen Studienergebnissen zum Thema „Ausbildung“. Als HdW-Werkstudentin habe ich einen etwas anderen Blick darauf, doch Vorsicht: Ich gehöre offensichtlich nicht zum Mainstream.

von Marie Kremski 24. September 2018

Typisch vs. untypisch

Der typische Auszubildende 2018 laut „azubi.report 2018“ ist 18-20 Jahre alt, hat einen mittleren Schulabschluss, fand das Schüler-Praktikum bei der Berufswahl hilfreich, hat sich aus Interesse für den Ausbildungsberuf entschieden, war bei vier Vorstellungsgesprächen, hat zehn Absagen erhalten, findet seine Aufgaben im Unternehmen spannend, hat seinen Ausbildungsplatz online gefunden und macht eine Ausbildung im Bereich Gesundheit & Pflege.

Das hingegen war ich Anfang 2018: Ich bin 22 Jahre alt, habe ein allgemeines Abitur, fand das Schüler-Praktikum bei der Berufswahl absolut überflüssig, ich habe mich für den Ausbildungsberuf entschieden, weil die Berufsberatung mir dazu geraten hat, ich war bei nur einem Vorstellungsgespräch, habe keine Absagen erhalten, leider fand ich meine Aufgaben im Unternehmen monoton, habe meinen Ausbildungsplatz auf einer Ausbildungsmesse gefunden und habe meine Ausbildung im Bereich Industrie & Handel gemacht.

Bin ich jetzt also ganz und gar untypisch? Mit dem azubi.report 2018 gehe ich dieser Frage nach.

Wie zufrieden sind die Auszubildenden?

Beginnen wir mit dem Thema, das mich leider während meiner zweieinhalb Ausbildungsjahre durchgängig begleitet hat: Die Zufriedenheit mit meiner Ausbildung. 74 Prozent der Auszubildenden sagen, dass sich die Erwartungen an ihren Ausbildungsberuf erfüllt haben. Nur 8 Prozent sagen, dass sie sich nicht erfüllt haben. Ich zähle mich definitiv zu diesen traurigen 8 Prozent. Warum? Weil ich mir mehr erhofft habe. Mehr Wissen, mehr Aufgaben, mehr Spannung. Einfach mehr eben.

Traumberuf gefunden?

37 Prozent der Auszubildenden sagen, dass sie jetzt schon in ihrem Traumberuf arbeiten. Das erstaunt mich doch schon sehr, dass man mit gerade mal 18-20 Jahren bereits behaupten kann, genau DAS gefunden zu haben, was man für den Rest seines Lebens machen will. Zu meiner Beruhigung sagen aber auch 30 Prozent der Azubis, dass sie nicht in ihrem Traumberuf arbeiten. Glück für mich. Vielleicht bin ich also doch nicht so anders.

Obwohl es nicht für alle der Traumberuf ist, können sich rund 55 Prozent der Azubis vorstellen, auch noch in zehn Jahren in ihrem Ausbildungsberuf zu arbeiten. Nur für 22 Prozent ist das keine Option. Ich konnte mir das schon nicht mehr nach dem Ende meiner viermonatigen Probezeit vorstellen.

Aus welchem Motiv entscheiden sich die Jugendlichen für den Beruf?

Was mir etwas Klarheit gibt, warum ich so untypisch bin: 74 Prozent aller Azubis haben sich aus Interesse für ihren Ausbildungsberuf entschieden. Gerade einmal 6 Prozent haben den gleichen Fehler wie ich begangen und sich für den Ausbildungsberuf entschieden, den die Berufsberatung ihnen empfohlen hat. Kleine Anmerkung am Rande: Ich kenne NIEMANDEN in meinem Bekanntenkreis, dem die Berufsberatung etwas gebracht hat. Eine Freundin beispielsweise hat eine abgebrochene Ausbildung hinter sich, da sie in ihrem Ausbildungsberuf zu viel Blut gesehen hat und immer umgekippt ist. Als sie das der Berufsberatung sagte, wurde ihr der Beruf einer OP-Helferin oder Hebamme vorgeschlagen. Natürlich hat sie die Vorschläge irritiert abgelehnt und erneut gesagt, dass sie kein Blut sehen kann. Daraufhin wurde ihr gesagt, dass sie am besten im Internet sucht, welche Alternativen ihr damit noch bleiben. Liebe Berufsberatung, danke für gar nichts.

Die Berufsschule: Kann klappen, muss aber nicht.

Ein durchgängig sehr leidliches Thema für mich war die Berufsschule. Das lag bei mir vor allem an Unterforderung, nicht zuletzt empfand ich alles aber auch als schlichtweg unnötig.

Etwa 50 Prozent der Azubis sagen, dass in der Berufsschule ein guter Praxisbezug hergestellt wird. Ich hingegen hatte Religion. In der Berufsschule. Während meiner Ausbildung zur Industriekauffrau. Unser Thema waren die 10 Gebote. Ein ganzes Jahr lang. Muss ich mehr sagen?

65 Prozent der Azubis sagen, dass der Umfang der unterrichteten Inhalte angemessen ist. Ich hingegen habe ein ganzes Jahr lang über die 10 Gebote gesprochen. Dafür wurden andere Themen vernachlässigt.

Etwa 62 Prozent der Azubis sagen, dass die Lerninhalte spannend sind. Ich hingegen hatte Religion. Muss ich mehr sagen?

Genug von der Berufsschule. Springen wir ins Unternehmen.

68 Prozent der Azubis empfinden ihre Aufgaben im Unternehmen als spannend. Wie am Anfang bereits leicht angedeutet, empfand ich meine Aufgaben als monoton. Natürlich gab es immer mal wieder etwas, das mir Spaß gemacht hat. Im Großen und Ganzen muss ich aber leider sagen, hat mir das oben schon angesprochene „Mehr“ gefehlt.

Was war da los bei mir?

Ich gehöre zu dem kleineren Teil der Azubis, der den falschen Berufsweg eingeschlagen hat. Ich darf meine Ausbildung nicht als „Ausbildung“ als solche betrachten, sondern muss sie als Zeit sehen, die ich gebraucht habe, um meine wahre Berufung zu finden. Jetzt bin ich nämlich in meinem Traum-Studiengang gelandet und kann mich nebenbei auf dem Blog vom Haus der Wertarbeit über meine Ausbildung beklagen. Und das ist doch auch was. Wer weiß, ob ich ohne meine Ausbildung jetzt auch hier stehen würde.

Fazit.

Natürlich kann man meine persönlichen Erfahrungen ebenso wenig wie alle Studienaussagen verallgemeinern. Aber: Meine Eindrücke helfen vielleicht dabei, zu hinterfragen, wie Deine Auszubildenden ticken. Wenn Du sie langfristig ans Unternehmen binden willst (denn sie sind die Zukunft), hör ihnen zu und versuche, ihre Ausbildung so zu gestalten, dass sie wirklich anfangen, für den Beruf zu brennen. Dann klingen sie nach dem Abschluss auch sicher nicht so ernüchtert und desillusioniert wie ich. :)